Die nächsten 330 km

Posted by – 12. Juni 2011

Die nächsten  330 km

Party die ganze Nacht. Ich war aber nicht dabei, sondern bin nur immer wieder davon aufgewacht. Um halb sechs morgens ist die Nacht dann irgendwie endgültig rum und ich schäle mich aus meinem Schlafsack. Donn und Charlie sind schon auf den Beinen, senile Bettflucht halt. 😉 Praktisch, so kann ich mir heißes Wasser für meinen Tee schnorren. Den angebotenen Haferbrei lehne ich ab, ich frühstücke ja schließlich nie1. Während ich mein Zelt abbaue und mich frage, wieso Zelthersteller keine Falzlinien auf ihre Zelte drucken2, sind Donn und Charlie schon fertig, verabschieden sich und wünschen mir noch eine gute Reise. Gegen neun bin ich dann auch mit Einpacken inkl. Umorganisieren meines Gepäcks3 fertig und mache mich bei bestem Wetter auf den Weg. Wenn ich mal wieder nach BC komme, übernachte ich wieder hier.

Kurz nach zehn bin ich dann in Clinton, wo ich ein „Coffee house“ mit großem Schild „WiFi“ finde. Einen Notfall-Teebeutel in die Jacke gesteckt4 und rein in die gute Stube. Der Tee ist exzellent, ein loser Blatttee, in ausreichender Menge für die große Tasse, und recht günstig. Eine Steckdose für mein Ladegerät hat es auch, also beruhige ich erstmal Phil, der des öfteren hektisch nachgefragt hatte wo ich denn bin5, dass mich keine Bären gefressen haben und verspreche mich so regelmäßig wie möglich zu melden6.  Während das Handy lädt und ich meinen Tee schlürfe, brüte ich ein wenig über der Karte, welche Strecke nehm ich denn genau? Aahja, erstmal noch ein Stück HWY97 nach Norden, dann kurz vor dem 70 Mile House rechts ab auf eine Nebenstraße und dann westlich vom Green Lake Richtung Norden zum HWY24, an vielen Seen entlang weiter nach Littlefoot, Clearwater und Nachtlager in Blue River, damit ich es möglicherweise schaffe, Jasper und Banff an einem Tag zu erledigen, Übernachtungen in den Nationalparks sind wohl unglaublich teuer. Guter Plan. Ich mache noch einen kleinen Schlenker über „the chasm“, ein eiszeitliches Flusstal mit gran-di-osem Ausblick. Die Bilder werden dem einfach nicht gerecht, dazu fehlt mir die Ausrüstung. Und das Können. Aber ich kann mich ja erinnern, und wer es in echt sehen will, darf gern selbst hinfahren.

Aber wie das mit Plänen so ist, funktionieren sie nicht immer wie gedacht. Ich muss wohl einmal falsch abgebogen sein, denn als ich, nicht Böses ahnend, einem Schild „HWY 24“ folge, gelange ich nach wenigen hundert Metern auf eine Logging Road, eine durchaus gepflegte und breite, aber deutlich nicht asphaltierte Straße. Nun macht mir sowas im Prinzip ja Spaß, aber a) darf ich da nicht mit der geliehenen GS und b) ist es die faschle Art GS dafür. Das Fahrwerk der kleinen ist ja für die Straße recht nett, aber für welligen Erdboden kann ich mir spaßigeres Vorstellen. Aufstehen bringt nur wenig, ist äußerst unbequem, aber, noch voll im deutschen Denken verhaftet, denke ich mir „Da stand ein Schild zum HWY24, dann kann das mit dem Dreck ja so lang nicht gehen.“ Und während ich mir das immer wieder denke, rappelt die Kiste unter mir wacker vor sich hin, und um die Rappellautstärke zu begrenzen, versuche ich, nicht schneller als 40 zu fahren7. Nach ungefähr 20 km8 ein Rastplatz an einem See.

Inklusiv einem der üblichen Plumpsklos. Nachdem ich also ein Problem weniger habe, widme ich mich der Karte und habe keine Ahnung wo ich bin9, und es fährt ein SUV auf den Parkplatz. Hoffnungsfroh mit der Karte in der Hand hingehüpft: „Hi, I’m lost!“ Der Typ schaut mich an, die GS, grinst und sagt „Thought so!“. Hmpf. Jedenfalls erklärt er mir, ich sei so ziemlich in der Mitte, am Pressy Lake. Der sei so klein, dass er auf der Karte nicht auftaucht. Zum HWY 24 soll ich einfach noch 20-25 Minuten10 auf der Straße weiterfahren, dann an der Gabelung links11 halten und dann käme ich irgendwann wieder auf Asphalt. *Schluck* Naja, hilft ja nix, also weiter. Ich biege nach einiger Zeit nach links ab, weil da ein Schild Richtung Lone Butte steht12 und finde mich nach kurzer Zeit in etwas [tm] ekligerem Geläuf wieder. Schmaler als vorher, und immer wieder Abschnitte, auf denen mehr Schotter liegt, nämlich soviel, dass die GS ins Schwimmen kommt. Also Arsch hoch, Blick aufs Ende des Abschnitts und die GS schwimmen lassen. Kennt man ja alles, macht auf der KLE aber mehr Spaß. Nach gut 30 weiteren km wird das Rappeln lauter. Ubbs. Das Windshield hat eine Halteplatte inkl. zugehöriger Schraube von sich geworfen. Anhalten, alle Teile die noch abfallen könnten abpflücken und mit dem Touratech-Minispanngurt  das Windshield wieder festbinden.

2 km später komme ich ENDLICH wieder auf Asphalt. ich bin fix und fertig, und habe noch etliche km vor mir, der Highway 24 ist schön zu fahren, wieder diese weiten Kurven, die einem noch genug Gelegenheit geben, die Landschaft zu betrachten. Am Lac de roches mache ich eine Pause, und höre das erste mal in diesem Urlaub die Frage „Is that a beemer?“ Ich unterhalte mich trotzdem nett mit dem Conservation Officer und dem anderen Touristen, und erfahre, dass die Seen erst seit drei Wochen eisfrei sind13. Auch hier höre ich wieder, dass ich bei schlechtem Wetter Jasper und Banff lieber bleiben sein lassen soll. Es ist durch den ungeplanten Ausflug auf den Schotter doch schon deutlich später geworden, und so beschließe ich, doch in Clearwater zu übernachten. Erstmal den Campingplatz Dutch lake anfahren. Da ich schon in einen 2minütigen Regenschauer gekommen bin, will ich lieber nicht zelten, die Hütten fangen aber bei 99$14 an. Das ist mir dann doch zu teuer und ich lasse mich im örtlichen visitor’s centre beraten. Es wird das Red Top Bed and Breakfast, für eigentlich 85, aber weil ich allein bin nur 75$15. Ich fahre hin, schaue mir das Zimmer an16, das mit potentiellen anderen Gästen zu teilende Wohnzimmer17 und das Bad18 und beschließe, bei der netten deutsch sprechen Holländerin zu bleiben. In den 5 Minuten, die ich das Mopped entlade, hole ich mir 20 Mückenstiche, auch durch das Tshirt.

Nachdem ich duschen war, kommen die „Mitbewohner“ für das zweite Schlafzimmer. Ein Pärchen aus Bremen, Andre und Jasmin, die mich akzentmäßig erstmal auch in die norddeutsche Ecke stecken wollen, bis ich ihnen meine Bastardabstammung19 erkläre. Wir gehen dann gemeinsam essen ins Well’s Gray inn. Das Essen ist lecker, reichlich und günstig, und auf den Heimweg gibt’s noch einen Sonnenuntergang.

Zurück im B&B unterhalten wir uns noch ein Weilchen, dann schreibe ich an Mike, den Vermieter, eine Email, dass ich die Schraube verloren habe20 und ob ich nen Laden mit Givi suchen oder es irgendwie anders hinfrickeln soll. Dann geht’s sauber und mich ständig kratzend ins Bett.

  1. jedenfalls nicht sowas und „Ich krieg um die Uhrzeit nix außer Tee runter“ klingt freundlicher als „Iiihnee, sowas nich“ []
  2. Das wäre unglaublich praktisch beim Zusammenfalten []
  3. Es passt jetzt alles ins Topcase und die Seitenkoffer, ohne dass ich die Erweiterungsreissverschlüsse aufmachen muss []
  4. falls ich wieder einen Jahre alten Lipton-Teebeutel kriegen sollte []
  5. In der Wildnis, ohne Empfang []
  6. Ja Mama…. []
  7. Gar nicht so einfach, trotz Gehoppel. []
  8. Ich bin gut darin mir einzureden das sei ja gleich vorbei []
  9. bzw. will es nicht wahrhaben []
  10. Iiiiek []
  11. oder sagte er rechts? []
  12. Ja, da hat’s Schilder, und die Schotterstraßen haben sogar Namen. Und Straßennamensschilder… []
  13. Huuu, ich glaub das mit dem Auswandern lasse ich doch bleiben. []
  14. +tax []
  15. Ohne tax []
  16. nett []
  17. nett []
  18. geilste Dusche der Welt, mit zwei Duschköpfen, sofort vermisse ich Phil ganz fürchterlich []
  19. Kielerin und Schwabe []
  20. die 60 km Schotter habe ich irgendwie vergessen zu erwähnen []

3 Comments on Die nächsten 330 km

  1. SonjaM sagt:

    Deine kleinen Abenteuer und Begegnungen erinnern mich wieder daran, warum ich nach Kanada umgezogen bin…