Die ersten 310 km

Posted by – 11. Juni 2011

Die ersten 310 km

Um 8:40 überlasse ich Jungs und die Wohnung ihrem Schicksal und gehe, voll aufgerödelt, mit meinen zwei Koffern vors Haus, wo mich um 8:45 Jen mit dem Auto abholt und zu CycleBC fährt. Hier steht schon eine kleine schwarze GS 500 E mit Givi-Windshield und -Seitentaschen sowie -Topcase1 und wartet darauf, dass ich mit ihr durch BC fahre.

Reservieren der Kaution2, bezahlen der Restsumme3, Unterschreiben des Abnahmeprotokolls (ein paar kleine Kratzer, km-Stand, nichts weltbewegendes)), Überreichen des „Emergency Kit“4  und eine Einweisung in die GS.5 Blinker! Und Lichthupe! Einen Zündschlüssel hat sie auch, und einen Choke. Huiii, was es nicht alles gibt. 😉 Alles nicht wirklich neu für mich, aber ich höre geduldig zu. Mir wird noch erklärt, die Reserve beträgt 3 l, das reicht für 30-40 km, und insgesamt komme ich mit einer Tankfüllung 200 bis 250 km weit. Ich wusste gar nicht, dass die GS so ein Säufer ist, aber die Spritpreise sind ja freundlich6, da lasse ich das mal durchgehen. Während ich mir Helm und Handschuhe anziehe, fährt Mike die GS die Rampe hoch, wo sie schonmal ein bischen aufwärmen darf. Also rauf aufs Mopped. Huch! Wieso sind meine Knie so nah an meinen Ohren? Und ich so weit nach vorne gelehnt? Irgendwie ungewohnt, diese Sitzposition, da werde ich mich erst noch dran gewöhnen müssen. Aber wenigstens sitze ich endlich wieder auf was zweirädrigem und nicht in einem Flugzeug, einer Bahn oder Dose.

Zu Jen sind es keine 5 Minuten, dann packe ich in ihrer Tiefgarage den vorbereiteten Koffer aus und verstaue alles auf der GS. Das Zelt passt gerade so in’s Topcase, wie geil ist das denn? Zum Glück haben die Seitentaschen noch einen Erweiterungsreißverschluss, ich bekomme in der Hektik7 alles gerade so unter, ohne die mitgebrachten RokStraps zu benötigen, Jen lehnt meine Hilfe ab und meint, sie bekommt die 2 Koffer auch so in ihre Wohnung, und dann geht’s los.

Erstmal nur in den Stanley Park, die GS in seiner ganzen bepackten Pracht fotografieren, und außerdem muss ich noch Roman8 anrufen, der sich mit mir in Squamish treffen will, um mir eine Karte zu leihen und dann ein paar km mit mir zusammen zu fahren. Wir machen aus, dass wir uns im Starbucks in Squamish treffen, und mich mache mich über den Sea-to-Sky Highway auf den Weg. Um es mit Louise Koschinsky zu sagen: Scheiß die Wand an, ist das schön hier! Den Starbucks finde ich9 problemlos, und auch Roman lässt sich10 recht einfach identifizieren. Im Starbucks zeigt er mir dann die Karte, die er mir ausleihen wird, und erklärt die Farbkodierung der Straßen, weist auf ein paar besonders sehfahrenswerte Straßen hin und meint, er müsse erst nochmal heim, sich umziehen und was essen, und ein Kumpel, Shane11, wolle auch mitfahren. Also gut, ich fahre ihm hinterher, kriege auch ein Hühnchensandwich, betrachte fasziniert eine halbe Sekunde lang die sehr schlanke und sehr scheue Katze, die sofort abhaut und dann noch faszinierter die dickste Katze die ich je gesehen habe12. Das Viech ist durch und durch rund, und es springt auch nicht auf den Kratzbaum, sondern hieft sich mühsam vom Sofa auf die Lehne und dann gemächlich auf die Plattform. Naja, irgendwann ist Roman umgezogen, steigt auf seine Triumph Scrambler und es geht weiter, unterwegs sammeln wir Shane ein und halten nochmal an einer Tankstelle, denn noch glaube ich noch halbwegs an die 200-250 km Reichweite.

Wir fahren Richtung Whistler, biegen aber vorher Richtung irgendwelcher olympischen Sprunganlagen ab, denn, wie mir Roman erklärt hatte, kann man dort sehr gut Bären sehen. Im Frühling13 , wenn die Bären aufwachen, sind sie hungrig, finden aber im Wald noch nicht viel zu fressen. Auf den Hängen zu diesen Anlagen wurde kürzlich Gras gesät, dass die Bären dann abweiden. Weiden, ja genau, glaub ich das halt auch noch. 😉 Und schwubbs läuft ein Babyschwarzbär auf die Straße. Nein, wie süüüß! Ich halte an, krame meine Kamera hervor, und just in diesem Moment fährt ein Auto vorbei, verschreckt das Kleine und das rennt zurück in den Wald. Mennooo 🙁 Geknickt fahre ich weiter, und sehe wenige hundert Meter später Shane und Roman am Straßenrand stehen… ein weitere Blick… BÄREN! Drei Stück stehen am Hang und grasen da tatsächlich wie Kühe. Sachen gibt’s. Schnell die Kamera raus geholt, Bilder gemacht, das IPhone geholt, Phil mit Whatsapp ein Bild geschickt14, dann winkt Roman mich zu sich und macht Beweisbilder von mir mit Bären. Geil, Bären. Echte, wilde, nicht im Zoo. Weiter geht’s, und zwei Kurven später stehen wir schon wieder, diesmal ist ein Bär im Baum zu sehen. 5 Bären in 5 Minuten, wie geil, ob das wohl so weiter geht? Angeblich seien die ja wie Ungeziefer, quasi überall.

Shane bekommt einen Anruf, er muss gleich heim, babysitten. Wir fahren noch bis zu einem Wasserfall, an dem ein äußerst unbeeindruckter, dafür aber sehr hübscher Vogel sitzt. Shane meint, diese Blue Jays könne man aus der Hand füttern15. Dann verabschiedet er sich und wünscht mir noch viel Spaß auf der Duffy Lake road, Roman und ich fahren weiter bis Pemberton, wo ich laut Plan die erste Nacht verbringen will.

Als wir dann in Pemberton ankommen, ist es gerade mal drei Uhr. Beim verspäteten Mittagessen16 erzählt mir Roman, dass er ab Donnerstag auf eine ADV Offroad Ausfahrt geht, die am nächsten Samstag Station in Merritt machen wird. Hm, das liegt quasi auf der geplanten Rückroute, und sollte zeitlich doch zu machen sein. Ich beschließe, noch ein Stückchen weiterzufahren, verabschiede mich von Roman und fahre Richtung Lillooet. Nach wenigen km sehe ich das Schild: „Check fuel, next service 97 km“. Ups? Tja, und die nächsten knapp 100 km sind dann auch deutlich landschaftsdominiert, hier und da mal ein, zwei, drei einzelne Häuser entlang der Straße, ansonsten Berge, Flüsse, Wälder, schöne Kurven, die einem auch noch die Zeit lassen, die drei erstgenannten zu bewundern, Holzbrücken. Hammer. Und das Wetter passt auch. Ich bin im Urlaub angekommen, das Fahren macht einfach nur Spaß, ich genieße jede sich endlos lang anfühlende Minute. Irgendwann kommt Lillooet dann näher und ich halte nach dem kostenlosen Campingplatz Ausschau, von dem Roman erzählt hatte. Aber zuerst halte ich an einem Stausee und staune noch ein bisschen die Landschaft an. Wun-der-schön.

Auf der anderen Straßenseite ist dann 200m weiter die Einfahrt zum Campingplatz. Dann schau ich mir das mal an. Wo ist denn hier die Rezeption? Scheint keine zu geben. Ich drehe eine langsame Runde über den Platz und halte am ersten freien Zeltplatz an, betrachte ihn zweifelnd. Da höre ich hinter mir eine Stimme „Take that place, it’s great!“ Als ich hinschaue, sehe ich zwei alte und einen weniger alten Mann mir fröhlich zuwinken. Ich steige ab und werde, noch bevor ich mir den Helm vom Kopf ziehe, gefragt ob ich eine Tasse hätte. Ja sicher. Dann soll ich herkommen. Braves Mädel das ich bin, leiste ich dem natürlich sofort17 Folge und werde aufgefordert, mir was von dem Weißwein zu nehmen, der da auf dem Tisch steht. Ich mag zwar eigentlich keinen Weißwein, aber braves Mädel und so. Die drei sind Dave18, der ein paar Plätze weiter zeltet, sowie Donn und Charlie. Donn erklärt mir, er sei hundert, woraufhin ich ihm sofort das altbekannte Kompliment mache, er habe sich gut gehalten und sehe keinen Tag älter als neunzig aus. Daraufhin gibt er zu, 75 zu sein. Noch ein wenig Smalltalk, und ich baue mein Zelt auf, um dann nach Lillooet zu fahren, einkaufen. Ich ergattere das kleinste Päckchen Rindfleisch, 450g für unter 5$, eine Flasche Cola und ein Päckchen Milch19 und fahre zurück. Kurz nachdem ich wieder angekommen bin, fährt der Platzwart20 vorbei, gibt mir ein Zettelchen, auf dem ich mich registrieren soll, und einen Campingführer für BC. Praktisch.

Dummerweise ist der Feuerholzverkauf für diesen Abend schon vorbei, aber ich kann mir von Donn und Charlie einen Grillrost und einen Platz an ihrem Feuer schnorren. Etwas später noch 3 Scheiben Brot, und fertig ist das Mörder-Steak-Sandwich21. Die zwei sind ehemalige Ingenieure aus Saskatchewan, die im Winter immer mit ihren Frauen mit dem Wohnwagen nach Mexiko oder in ähnlich warme Gefilde müssen, dafür aber im Sommer mit ihren F650GS lange Campingtrips machen dürfen. Auch kein schlechtes Leben. Wir unterhalten uns noch ein Weillchen über dieses und jenes22 und dann geht es recht früh in den Schlafsack. Wenn der Rest des Urlaubs auch so wird wie der Tag heute, schicke ich Phil ein Flugticket und will nie, nie wieder zurück.

  1. riesig []
  2. 2000$ []
  3. 334$ []
  4. Eine Dose Kettenspray, Reifenpilot, ein Luftdruckprüfer und ein Bremsscheibenschloss []
  5. Die ist ja sooo niedlich. Und so putzig KLEIN! []
  6. 1,40$/l []
  7. Ich will so schnell wie möglich fahren []
  8. auch von ADVRider []
  9. trotz der fehlenden versprochenen Horde von Motorrädern davor []
  10. als der, der mit der Frage „Are you Marion?“ auf mich zukommt []
  11. Ich hoffe dass er so geschrieben wird []
  12. Ich glaube, die war schwerer als Felix und Moritz zusammen! []
  13. Und das ist gerade, denn der Winter war dieses Jahr wohl sehr hartnäckig []
  14. den Neid ein bisschen anfachen []
  15. Leider sagt er nicht, womit, und ich habe eh nichts dabei. []
  16. McD []
  17. bzw. nachdem ich Helm und Handschuhe ausgezogen habe []
  18. der weniger alte []
  19. für den Fall, dass ich mir am nächsten Morgen heißes Wasser für meinen Tee schnorren kann []
  20. oder wie das heißt []
  21. Brot-Steak-Brot-Steak-Brot []
  22. Das SI-System und die dämlichen britischen/amerikanischen Einheiten dürfen bei einem Gespräch unter Ingenieuren natürlich nicht fehlen []

1 Comment on Die ersten 310 km